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13. FIFF-Jahrestagung




Zur 13. FIFF-Jahrestagung, 14-16.November.97 in Paderborn
"Die Rolle kritischer ExpertInnen in der Informationsgesellschaft"

Kurze Zusammenfassung des Workshops EDS (padeluun) und des Votrages 
"Auf dem Weg zur Dissidenz" (Prof. Weizenbaum) 

Die Tagungspublikation erscheint (irgendwann) zum Preis von 30 DM.
Erhaeltlich bei Carmen Buschmeyer, Informatik u. Gesellschaft 
UNI-GH Paderborn, Fuerstenallee 11, 33102 Paderborn, Fax: 05251/60-6414,
e-mail: c5@uni-paderborn.de


 EDS (Electronic Data System),     padeluun

fuer diejenigen, die mit EDS noch nichts anzufangen wissen
s. http://www.zerberus.de/texte/presse/artikel/eds.html

EDS sollte nur als ein Beispiel dienen - wenn auch das groesste - fuer
die Datensammelleidenschaft mancher Multikonzerne.
Weitere: Anderson Consulting, Debis, IBM

1) Selbstdarstellung von EDS:

Zum perfekt gepflegten Image von EDS gehoert das auessere Erscheinungsbild
(mit hauseigenem Schneider), wie ein stets serioeuses Auftreten der Mitarbeiter
und ein, auf jeden imponierend wirkendes Firmengebauede.
Die Vertreter der Presse und Besucher werden so empfangen, dass es zu
einem echten Erlebnis wird, einmal bei EDS reingeschaut zu haben. Beispielsweise
werden Limousinen fuer die Anreise zur Verfuegung gestellt, pompoese ausge-
stattete Besucherraueme schaffen einen angenehmen Aufenthalt und die
Rechnerfarm beeindruckt durch eine gigantische Ausstattung.
Mit Hilfe der o.g. meinungsbildenden Mittel soll Vertrauen aufgebaut werden
und evt. Bedenken schon im Voraus bekaempft werden.

2) Visionen:

Gegruendet wurde EDS von dem Praesidentschaftskandidaten Ross Perot 1962.
EDS scheint nicht nur, wie andere Unternehmen, Geld verdienen zu wollen.
Nein, die Aktivitatetn dieses Unternehmens werden von der Vision einer perfekten, 
sauberen Zukunft begleitet, wobei diese Philosophie der Frage des Preises, den 
jeder dafuer zahlen muss, voellig entbehrt.

3) Strategie des systematischen Machtausbaues:

Die Kunden der Firma EDS werden gezielt ausgewaehlt. Dazu werden zuerst Daten
ueber die evt. Kundenfirmen gesammelt. Die Auswahl erfolgt schlie▀lich nach
bestimmten Gesichtspunkten, wie beispielsweise die Frage der politischen   
Stellung dieser Firma oder nach der Einflussnahme auf gesellschaftliche 
Geschehen. Besonder beliebte Zielgruppen sind daher auch Firmen im oeffentlichen Sektor.
Zaehlt eine Firma zu den "Gluecklichen", erfolgt die Kontaktaufnahme,
die durch Analysieren des Kundenunternehmens im Vorfeld schon durchgespielt
und systematisiert wird. Zu den bisherigen Kunden zaehlen z.B. die Deutsche
Bahn, Ruestungskonzerne, die Steuerbehoerde Englands, die gesamte Datenver-
arbeitung der Regierung in Suedaustralien, United Parcel Service,
alle Fluggesellschaften (LTU), Banken (Citybank), Versicherungen und Medien,
Chemieindustrie, die greencard Lotterie, Netscape, 
General Motors (seit '84 ist EDS ein Tochterunternehmen).
Alle Daten der D1 Auslandsgespraeche werden ueber EDS abgewickelt;
Video on Demand und Zugangskontrollsysteme, sind weiterere Bereiche.
Besonders interessant fuer die Freunde der Wirtschaftsspionage ist
die Einrichtung des Kommunikationssystems im europaeische Parlament.
....
Hat sich EDS erstmals in einem Unternehmen eingenistet, werden spezielle 
Konzepte entwickelt, um die Datenverarbeitung die anfaenglich vielleicht nur 
teilweise kontrolliert wird, schliesslich komplett zu uebernehmen.
Nach dem Motto "going global" mit EDS, ist es moeglich, auf die Erfahrungen und
das Know-How dieses Unternehmens fuer den Bereich der elektronischen 
Datenverarbeitung zurueck zu greifen, ohne dass die eigene Firmen-EDV weitere 
Kosten verursacht. Dadurch ist es dem Kunden moeglich, sich auf seine
eigentlichen Ziele zu konzentrieren. 
Das positive und vertauenserweckende Image von EDS sorgt ausserdem dafuer,
dass der Kunde sich ueber seine Firmendaten bzgl. Datenmissbrauch keine
Sorgen macht.

4) Die Moeglichkeiten des Datenparadieses:

Dass eine solche Datenfuelle auch entsprechend genutzt, wird liegt auf der Hand.
Hier werden natuerlich Verbindungen zur NSA vermutet. Welcher Dienst wuerde
sich auch dieses "Datenparadies" entgehenlassen?  
Hier koennen aus Daten wunderbare Informationen gewonnen werden.
Stichwort Rasterfahndung:
Lieblingsfarbe des Autos, Zahlungsgewohnheiten (Kreditkarte), Urlaubsziele
(wer hat mit wem gebucht). .... 
So kann z.B. eine Zielperson, oder gar eine ihr nahestehende Person,
per Knopfdruck auf Schwaechen, Gewohnheiten und Erpressbarkeit beleuchtet
werden. Auch fuer zukuenftige geschaeftliche Anwendungen gibt es unerschoepflich 
viele Moeglichkeiten dafuer, was alles mit diesen Daten angestellt werden kann,
z.B. Stichwort: Benutzerprofil -> gezielte Werbesendungen ...
Schon heute werden solche Verstoesse, wie der Abgleich der personenbezogenen 
Daten der Bahnkarte mit den Schufa-Daten, in den USA vorgenommen.

pers. Anmerkung:
Bei der Ansammlung solcher Datenmengen stellt sich natuerlich unweigerlich
die Frage nach dem Datenschutz.
Aber wie soll hier z.B. eine EU-Richtlinie greifen, wenn die Konzentration
der Daten auch noch in einem Drittland stattfindet?
Auch die Macht, die durch den Zugriff auf solche Daten von einem Unternehmen
ausgeht, muesste normalerweise jede Regierung aufhorchen lassen.
Dass sogar Daten des oefftl. Sektor in ein Drittland ueberfuehrt werden, 
ist einfach unglaublich.




Zum Vortrag von Joseph Weizenbaum, "Auf dem Weg zur Dissidenz"

Zu Beginn seines Vortrages erlaeuterte  Weizenbaum an Hand seiner Biographie,
warum er zum Kritiker wurde.
Anschliessend erklaerte er was seiner Meinung nach ein kritischer Experte ist,
und was dessen Aufgabe sein sollte. Weizenbaum forderte ein tiefergehendes
Denken, d.h. man sollte den Problemen auf den Grund gehen und sie nicht 
stets oberflaechlich betrachten, also die eigentlichen Ursachen suchen und 
nicht die Symptome bekaempfen.
Desweiteren sollte der kritische Experte, hier gebrauchte er das Wort
"radical expert", auch die Faehigkeit haben hinterfragen zu koennen.

Danach konnte das Publikum seine Fragen an Herrn Weizenbaum richten.

P: Ist diese Art des radikalen Denkens ueberhaupt erwuenscht 
   im FIFF, in Deutschland?
 
W: Fuer Deutschland moechte ich dies bejahen. Doch in Amerika beispielsweise
ist diese Art des Hinterfragens bei den meisten unerwuenscht. Die Ursachen 
hierfuer sind in der Bildung und in der Erziehung zu suchen.
Zudem ist kritisches Denken auch eine Frage des Erlernens.
Es existiert aber auch die Angst der Menschen, sich ueber solche Dingen
zu auessern. In einer Demokratie jedoch sollte jeder den Mut haben, laut
zu reden, besonders Personen in sicheren Positionen, wie z.B. Professoren.

P: Es gibt andere Mittel Radikalitaet zu verhindern. Es muss nicht immer
   Gewalt sein. Doch auch hier im FIFF sehe ich wenig wirklich radikale
   Ansaetze.

W: Ich kann ihnen nur die Botschaft uebermitteln:
Sehen sie sich die Dinge an , denken sie nach, ueberwinden sie ihre Angst,
sprechen sie es aus, und sie werden sehen, dass ihnen nichts passiert.
Das laute Aussprechen wirkt auch als Ermutigung fuer Andere, es Ihnen gleich 
zu tuen. Sie zeigen damit Anderen, dass sie nicht alleine sind mit ihrer 
Meinung.
Es gibt viele Inseln der Vernunft in unserer verrueckten Gesellschaft.
Wir muessen diese Inseln verbinden, vergroessern und neue Bruecken schlagen.

P: Ist dieses ewige Hinterfragen, dieser stets neu auftauchenden Probleme
   nicht voellig unnoetig? Sollten wir uns nicht viel eher die Frage stellen:
   "Wo wollen wir hin, was muessen wir tun um diese Ziele zu erreichen?"

W: Z.B. der Versuch, die Schulen mit Computer zu ueberfluten, zeigt uns ja, dass
da etwas in der Politik nicht stimmt. Auch in der Schule sollte es klare
Prioritaeten geben. Man sollte sich fragen, was wollen wir ueberhaupt?
Hierbei ist die hoechste Prioritaet der modernen Gesellschaft die Beherrschung
der eigenen Sprache. 
Erst diese Grundlage ermoeglicht es, kritisch zu lesen und damit auch kritisch 
zu denken.
Viele meiner Kollegen vertreten die Ansicht, man sollte so frueh, wie mgl.
Kontakt mit der neuen Computertechnologie haben, da es kleine Kindern viel
leichter faellt diese zu erlernen. Doch ich vertrete die Meinung, dass fuer 
einen vernuenftigen Umgang mit der Technologie erst gewisse Grundlagen
geschaffen werden muessen. Das Arbeiten mit dem Computer, kann man spaeter 
in 3-4 Monaten erlernen.

P: Sie erwaehnten in ihrer Autobiographie, dass man Institutionen nicht von
   Innen bekaempfen kann. Aber trotzdem sind sie zum MIT zurueckgekehrt.
   Ist die nicht ein Widerspruch in sich?

W: Waere es jetzt eine kleinere Gruppe wuerde ich sagen, wie wuerden sie diese
Frage beantworten :-). Doch nun, ich will Ihnen helfen. Ihr Fehler ist der, ich 
bin beim MIT kein Insider, ich bin ein Dissident.
Doch ich brauche auch nicht den guten Willen von gewissen Personen, ich muss
niemanden beeinflussen. Meine dortige Achtung basiert auf dem gegenseitigen 
Respekt den wir untereinander haben.

P:  Die heutige Computertechnologie hat keinen militaerischen Einfluss 
    mehr. Heute wird sie vom Kommerz gelenkt.

W: Sehen Sie 50% der MIT-Gelder stammen aus der Ruestungsindustrie.
Der militaerische Einfluss auf viel neue Entwicklungen ist immer noch vorhanden.
Das Militaer verlangte von uns kleinere, leichtere und schnellere Computer.
Also entwickelten wir sie nach diesen Vorgaben. Wir haetten auch mit groesseren 
Rechnern weiterarbeiten koennen.
Doch was zaehlt, ist der gesellschaftliche Wert eines Instrumentes, dieser
ist abhaengig von der Organisation, die es benutzt und seinem Einsatzzweck.
Also erbt auch der Computer den Wert von der Gesellschaft in der er eingebettet 
ist. So wurde er im Golfkrieg eingesetzt, um die Massenvernichtung effizienter 
zu machen, aber er wird auch in Banken und bei Autoherstellern benutzt, obwohl
letztere nicht seine Entwicklungsgruende waren.

P: Die Rolle des kritischen Experten ist fuer Sie als Professor unter
   dem Motto "Freiheit der Wissenschaft" leicht mgl.. Doch ich als
   Angestellter sehe da eher die Gefahr, dass mein Arbeitgeber mich freistellen
   wird :-).

W: Ein Fabrikarbeiter hat mehr zu fuerchten als ein Professor. Aber die Gefahr
den Mund halten zu muessen besteht in dieser Gesellschaft nicht. Jeder sollte
sich fragen, was ist der Sinn meiner Arbeit und kann ich diesen moralisch 
Vertreten? Wenn Sie es nicht fuer sich Verantwortung koennen, dann ist es 
unmoralisch daran zu arbeiten.
Es gibt natuerlich auch Menschen die darueber nicht nachdenken wollen, sei
es jetzt die familiaere Verantwortung oder das Gefuehl bei dieser Arbeit in
der naehe von Menschen zu sein die Macht haben, wie dies am MIT der Fall ist.
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An dieser Stelle musste ich leider gehen :-(

ff

joerg