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Re: Computer-Meisterbrief



> > Die USA haben ein grosses Land mit unerschoepften Ressourcen.  Sie 
> > koennen sich Freiheits- und Marktwirtschaftsgeschwaetz leisten. 
> 
> Freiheitsgeschwaetz ?? Was, bitteschoen, ist denn dieses? Die Rede 
> von der "Zivilisierung" des Kapitalismus hoert sich ja ganz nett an, 
> aber woher sollen die Festlegungen kommen, die dazu erforderlich 
> sind? Was dem einen sinnvoll deucht, kommt dem anderen unsinnig und 
> gefaehrlich vor. 

Vielleicht ein ungluecklicher Ausdruck.  Ich meine damit die ideologische
Uebersteigerung Marktwirtschaftsprinzips zum politischen Liberalismus. 
Einer der fuehrenden liberalen Denker und Mitstreiter Erhards, Alexander
Ruestow, hat ein Buch geschrieben "Das Versagen des Liberalismus als
religionsgeschichtliches Phaenomen". 
Marktwirtschaft ist ein Prinzip, das bei der Verteilung physisch
begrenzbarer Waren (inkl. Dienstleistungen) hervorragend funktioniert.
Nicht mehr und nicht weniger.  Sein Funktionieren setzt eine soziale
Ordnung voraus, die nicht von der "unsichtbaren Hand" (Adam Smith) 
selbst geschaffen werden kann.  Es funktioniert im Rahmen dieser
Ordnung.  Der Fehler des von Ruestow kritisierten Liberalismus liegt
darin, dass jener die ganze Ordnung samt deren moralisch-religioesen
Grundlagen durch die Marktprinzipien ersetzen zu koennen glaubt.
In einer Wirtschaft, bei der es hauptsaechlich um Information geht,
ist es sowieso sehr fraglich, ob Marktwirtschaft ueberhaupt funktioniert.
Um sie zum Funktionieren zu bringen, sind schon jetzt sehr kuenstliche
Kruecken (wie z.B. das Patentsystem) vonnoeten, und es ist sicherlich
sinnvoll, diese Kruecken weiterzuentwickeln.   Aber es sind nur Kruecken.
"Der Markt" ist ein Lahmer auf Kruecken, keiner pseudo-religioesen
Verehrung wuerdig. 

> Woher soll da eine Autoritaet kommen, hier zu entscheiden?

Das ist die heikelste Frage.  Es kommte darauf an, eine glaubwuerdige 
Autoritaet hierfuer aufzubauen.  Immerhin bietet das Internet einige
neue Moeglichkeiten, eine rationale oeffentliche Diskussion zu fuehren.

Man kann sich dieser Frage nicht entziehen, in dem man sagt, "der Markt"
werde schon richtig entscheiden.  Weder Erfahrung noch Theorie koennen
diesen schon vor 70 Jahren von Ruestow verspotteten Glauben laenger
stuetzen.

> > Deutschland hat nur die Macht gebildeter intelligenter Koepfe.  
> 
> Ich glaube, mit Verlaub gesagt, dass es auch ausserhalb der 
> Bundesrepublik Deutschland gebildete und intelligente Koepfe gibt. 

Dennoch ist das Bildungsniveau bei uns relativ hoch.  Anfang des 20. 
Jahrhunderts waren 70% aller Chemie-Artikel der Welt auf Deutsch verfasst
und die deutsche Wissenschaft war Spitze.  Es gibt ein noch lebendiges
Erbe, auf das man sich besinnen kann, ohne deshalb ueberheblich zu werden. 

> > Es ist lebenswichtig, dass wir uns hier von den USA absetzen und nicht
> > Parolen glauben schenken, der "rheinische Kapitalismus" habe ausgedient
> > und muesse nun dem angelsaechsichen Platz machen.
> 
> Wenn ein Land zu benennen waere, in dem es einflu▀reiche Kraefte gibt, die 
> versuchen, einem kapitalistischen System eine starre Werteordnung 
> ueberzustuelpen, dann waere wohl auf die USA zu zeigen. Ich erinnere hier 

Ich sehe nur, dass man in amerikanischen Newsgruppen noch mehr als in
Deutschland auf bornierte liberale Ideologen trifft.  Das ist vielleicht
ein Vorteil Amerikas, denn es bedeutet, dass auch ungebildete Leute dort
genug Stolz haben, um von sich selbst statt vom Staat Leistung zu
verlangen.  Selbst das Modell der amerikanischen Sozialpolitik heisst "New
Deal" also: Leistung gegen Leistung.

Ein "Lucky-Strike" gegen Studiengebuehren oder das franzoesische Pendant
davon wuerden in Amerika an dieser gesunden Grundeinstellung scheitern. 
Ich erinnere mich daran, dass man mich 1978 in einer amerikanischen
Schulklasse aechtete, weil ich einen amerikanischen Mitschueler in einer
Mathe-Klassenarbeit von mir abschreiben liess.  Nicht nur die Lehrer, alle
Schueler verachteten mich, eben weil sie die gesunde Grundeinstellung
haben, die wir in Deutschland nie hatten und die durch den Zeitgeist der
letzten Jahrzehnte auch nicht befoerdert wurde.

> nur an die Trend-Bewegung der "Kommunitaristen", deren politischer 
> Einfluss in den USA, aber auch in Europa (z.B. Tony Blair, Rudolf Scharping
> u.a.) hier noch nicht angemessen gewuerdigt worden ist. Fuer mich hat diese 

Ich finde diese Bewegung in Amerika recht glaubwuerdig.  Um Kommunitarier
zu sein, muss man Liberaler gewesen sein, was fuer fast alle Amerikaner
gilt.  Bei Europaeern muss ich da immer Zweifel haben, besonders bei
Sozialdemokraten, die noch ueberhaupt nicht den Liberalismus verarbeitet
haben und noch immer an eine Klientel appellieren, die sich nicht schaemt,
bei jedem Unbill vom Staat Leistung ohne Gegenleistung zu fordern. 

> Kommunitaristen-Bewegung immer einen leicht totalitaeren Touch, und 
> ich frage mich mittlerweile, ob man zum Verstaendnis der Kryptodebatte und 
> des Lauschangriffes nicht auch auf diese Theorien rekurrieren muesste. 
> Insofern meine ich, dass in der Tat nicht nur im Hinblick auf die 
> zu befuerchtende Verzunftung der EDV-Branche eine groessere Liberalismusdebatte
> anstehen muesste.

Bestimmt.  Man sollte nicht mehr von einem liberalen Grundkonsens
ausgehen.  Man kann mehr erreichen, wenn man die Debatte nicht auf
ideologischer Basis fuehrt. 

Ich habe den Eindruck, dass hier viele kuenstliche Graeben zwischen
liberalen Gutmenschen und finsteren Maechten wie Kanther, Handwerkskammer
usw aufgebaut werden.  Moeglichkeiten, einen pragmatischen Konsens im
gemeinsamen Interesse zu finden, werden nicht ausgeschoepft.
Der liberale Gutmensch wartet auf ein Signal, um dann in einem Wolfsrudel
loszuheulen.  Eigentlich kann sich die IT-Branche so unproduktive
Kommunikation nicht leisten.  Die anstehenden Weichenstellungen sind
viel zu wichtig.  Ich finde daher auch Joerg Taussens Reden im Bundestag
wenig ermutigend.  60% besteht aus Aufbau von Pappkameraden.

Kann vielleicht jemand einen Verweis geben, was die Handelskammer
eigentlich will?  Geht es nur darum, einen zertifizierten Berufstitel
zu schaffen?  Oder will sie die Inhaber dieses Titels mit
ungerechtfertigten Privilegien ausstatten?  Mit welchen?

Das sollte die Frage sein.  Es geht nicht darum, der Handwerkskammer
zu predigen, ihr kameralistisches Denken sei politisch nicht korrekt
oder unzeitgemaess.

> Eine Uebersicht von Detmar Doering findet sich z.B. unter:

Vielen Dank fuer die Verweise!

--
PILCH Hartmut * Pei2 Han2mu4 * http://www.a2e.de/phm/
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