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Personendaten lieber in wenige oder viele Haende?



Holger Veit:
> auf einem Videobild zu finden war, auf dem eine richtige Person aufgezeichnet
> wurde. Englische Staedte werden einem Bericht des Spiegels (et al.) zufolge
> mittlerweile grossflaechig mit einem dichten Netz von Ueberwachungskameras
> zur Verbrechenspraevention ausgeruestet; wenn die damit nur ein Quentchen
> Erfolg haben sollten, dann wird Kanther demnaechst auch diesbezueglich
> "haben wollen" krakeelen. Mist, jetzt ist doch wieder ein kritisches Wort
> gefallen, das in meiner Akte landet. Und noch schlimmer: in dieser Mail
> steht jetzt bewusst oben noch ein Verweis auf Dich, um Dich zur Kontaktperson
> zu machen... Hast Du immer noch nichts zu verbergen, keinen geklauten Apfel
> im Kaufhaus als Mutprobe in der Jugend, kein Parkverbotsknoellchen, keinen 
> vergessenen Posten in der Steuererklaerung, keine kreativ ausgefuellte Reise-
> kostenabrechnung, etc.etc.? Keine Antwort auf diese Fragen erwartet.

Manche Bekannte sagen mir, dass sie sich in Newsgruppen politisch nicht
mehr aeussern, seitdem Dejanews ueber jeden Newsposter eine komplette
jederzeit abrufbare Akte anlegt.  Viele Leute haben auch einen anonymen
Anrufbeantworter oder melden sich am Telefon nur noch mit "Hallo".  Ich
sehe das alles einfach als einen spiessigen Mangel an Zivilcourage.  So
unfrei ist unser Land nicht, und es wird es auch nicht werden, wenn genug
Leute stolz zu den Spuren stehen, die sie in der Oeffentlichkeit
hinterlassen.   Durch diese Spuren erkennt man ja auch, mit wem man
sich verbuenden kann, wenn ein Regime Einschuechterung
Andersdenkender wagen sollte.
 
> Wo steht denn was von abliefern? Lass den Datenschutz doch einfach fallen
> bei Gerichtsakten (oder sind Gerichte und Gerichtsarchive keine Behoerden
> im weiteren Sinne?) Da hoert man von Verfahren gegen Personen, denen man
> an der Grenze die Videos aus Daenemark beschlagnahmt hat wg. 184 StGB.
> Ist zwar dann eingestellt worden, aber das Beweismaterial liegt immer noch
> in Asservatenkammern. Also ich moechte meinen Anteil an der bislang 
> geschuetzten Information, sprich eine Kopie von den Kassetten :-)

Solche Daten sollten wohl ganz vernichtet werden.  Es geht also nicht
darum, sie bestimmten Behoerden vorzubehalten.

[Data Mining] 

> Und diese Pandora Box willst Du allen Ernstes oeffnen? In welcher Welt hast
> Du die letzten 20-30 Jahre gelebt?

Allen Ernstes sicher nicht.  Ich kann noch nicht abschaetzen, ob es mehr
Vor- oder Nachteile haette.  Ein Vorteil koennte sein, dass alle ueber
alle Bescheid wissen und dadurch niemand besondere Herrschaftsmittel in
der Hand hat und auch die Sicherheit der allzu unuebersichtlichen anonymen
Massengesellschaft mit weniger Polizeieinsatz zu gewaehrleisten ist.
 
> Aus einer (beliebigen) Zeitschrift:
> "Wir sind nach dem Pressegesetz verpflichtet, jede Gegendarstellung, un-
> abhaengig vom Wahrheitsgehalt abzudrucken:"
> ....[gegendarstellung]...
> "Wir bleiben bei unserer Darstellung."
> 
> Vernichtender kann die Presse berechtigte Richtigstellungen kaum noch
> ausdruecken. Der Bezichtigte als Leugner und Noergler in den Augen
> der Leserschaft (notabene: ein Leser liest ein Blatt, wenn er sich mit
> den Meinungen der Redaktion zumindest teilweise identifiziert. Wer eine
> Gegendarstellung erzwingt, ist ein Fremdkoerper in dieser Gruppe und damit
> automatisch weniger glaubwuerdig).
> 
> Gleichgewicht?

Wenn hier eine Massenzeitung wie Bild nur auf eine kurze Gegendarrstellung
abdruckt, ist das sicher kein Gleichgewicht.  Wenn aber eine Webseite auf
eine andere verweist, schon.
 
> Nein, da sie einen bestimmten menschlichen Bedarf befriedigen. Lasse Daten-
> schutz fallen und fuege sogar noch ein Gesetz hinzu, das erzwingt, dass
> Huren die Namen ihrer Freier ans schwarze Brett nageln, und du eskalierst
> die Situation zu einem neuen Markt auf hoeherem Preisniveau, bei dem genau
> die Umgehung des Gesetzes pekuniaer kompensiert wird ("ohne Outing" kostet
> 100 extra - substituiere Outing durch Gummi, und es wird offensichtlich).

Der Datenschutz in St. Pauli funktioniert auch ohne Datenschuetzer, oder?
Ich habe niemals angeregt, dass die Puffs verpflichtet werden,
Personendaten rauszuruecken. 
 
> Ochlokratie, f. [gr.], "Herrschaft der Menge", des Poebels... (Knaurs Lexikon)

Die Definition von Ochlokratie ergibt sich nicht aus dem Knaurs Lexikon
oder den mit bestimmten deutschen Woertern assoziierten Konnotationen,
sondern aus dem altgriechischen Kontext, insbesondere aus der Analogie
Monarchie : Tyrannis = Demokratie : Ochlokratie.  Aus der Verwahrlosung
des Souveraens (Monarch, Volk) folgt der Verfall des Systems. 
Verwahrlosung findet dann statt, wenn der Souveraen sich selbst von seiner
Verantwortung fuer die Aufrechterhaltung der politischen Ordnung
entbindet. Sie fuehrt laut Platon (Staat VII) im Fall der Ochlokratie
letztlich zum Ruf nach dem Fuehrer und dem Neubeginn des Zyklus 
Monarchie - Aristokratie - Demokratie.

--
Hartmut Pilch <phm@a2e.de>
a2e Ostasien-Sprachendienste Pilch, Wang & Co 
http://www.a2e.de/oas/, Tel +49891278960-8